Wie funktioniert dieses Tool?

Workshop: Drehmomentschlüssel richtig einsetzen

14. Mai 2020
Workshop: Drehmomentschlüssel richtig einsetzen

Eine alte Mechaniker-Weisheit lautet: Nach fest kommt ab! Was ist damit gemeint? Wer nicht regelmäßig Reparaturarbeiten am Bike erledigt, dem fehlt meist das Fingerspitzengefühl und die Erfahrung beim Anziehen von Schraubverbindungen. Denn längst nicht jede muss mit derselben Festigkeit geschlossen werden. Im Gegenteil.

Die Verbindungen erfordern je nach Schraube, Durchmesser, Größe und Material ganz individuelle Behandlungen. Unerfahrene Hobbymechaniker schießen daher besonders bei filigranen Schrauben schnell einmal über das Ziel hinaus. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass die Schraube abreißt und ihr Kern im Gewinde stecken bleibt. In der Regel ein irreparabler Schaden. Und selbst wenn sie nicht reißt, kann eine zu feste Verbindung oder Klemmung das Bauteil schädigen.

Aber auch das andere Extrem, eine zu lockere Verbindung, ist gefährlich. Stelle dir die Folgen vor, wenn sich während der Fahrt Lenker oder Vorbau lösen. Deshalb sind seit vielen Jahren die Komponentenhersteller dazu übergegangen, für jede Schraube ein so genannten Anzugsmoment festzulegen. Angegeben und gemessen wird es in der Einheit Newtonmeter (Nm). Man findet den Wert in der Gebrauchsanleitung des Herstellers. Ideal: Manche Hersteller drucken den Wert direkt am Bauteil neben der Schraube auf (z. B. Syntace). Um nun dieses Anzugsmoment möglichst genau zu erzielen, benötigt man einen Drehmomentschlüssel. Selbst bei Profi-Mechanikern ist er ständig im Einsatz, da es kaum möglich ist, sich soviel Feingefühl in der Hand bzw. im Arm anzutrainieren.

Es gibt verschiedene Typen von Drehmomentschlüsseln. Zum Beispiel solche, die mit Hilfe von Torsion und einer Anzeigeskala arbeiten, oder auch elektronische Varianten. Sehr populär ist der hier vorgestellte auslösende Drehmomentschlüssel, auch genannt Knack-Schlüssel. Er sieht auf den ersten Blick aus wie eine so genannte Knarre (Ratsche). Ein Hebel mit Handgriff am Ende, an dem vorne der Ratschenmechanismus angebracht ist. Dort lässt sich an einem Vierkant-Flansch das gewünschte Werkzeug aufstecken. Beispielsweise ein Steck-, Torx- oder Inbus-Schlüssel.

Unterschied zur herkömmlichen Knarre: Direkt hinter dem Ratschenmechanismus, am Beginn des Hebels, sitzt ein teilbewegliches Gelenk. Eine Art Wippe, deren Widerstand über eine einstellbare Druckfeder im Inneren des Hebels regelbar ist. Über eine (Nm-) Skala wird vor dem Gebrauch das gewünschte Anzugsmoment eingestellt. Bei Erreichen dieses Wertes kippt die Wippe mit einem hör- und spürbaren Knack (!) vom einen zum anderen Anschlag. Man benötigt unterschiedlich lange Schlüssel für verschiedene Anzugsmoment-Bereiche. In der Fahrradwerkstatt sind in der Regel zwei Schlüssel ausreichend. Wichtiger ist derjenige für die schwachen bis mittleren Anzugsmomente. Denn dabei verschätzt man sich eher als bei den hohen.

Der Drehmomentschlüssel im Einsatz


Wir zeigen den Gebrauch des Drehmomentschlüssels am Lenker/Vorbau. Hier ist es besonders wichtig, dass alle Klemmverbindungen korrekt angezogen sind. Erst recht, wenn der Lenker aus Carbon besteht!

Schrauben schmieren oder trocken montieren?

Eine schwierig zu beantwortende Frage. Sicher ist: Mit einem geschmierten Gewinde lässt sich eine Schraube fester anziehen als trocken. Deshalb werden Anzugsmomente stets für den trockenen Zustand angegeben, da man sonst auch mit Dremomentschlüssel übers Ziel hinausschießen kann. Wer dennoch (leicht) fettet, sollte daher das empfohlene Anzugsmoment etwas verringern. Eine Schmierung ist ebenfalls kontraproduktiv an Schrauben, die ab Werk mit einer Sicherung (blaue Paste) gegen Lösen versehen sind. Zum Beispiel die Befestigungsschrauben von Bremsscheiben. Diese könnten sich sonst durch hochfrequente Vibrationen der Scheiben während des Bremsvorgangs mit der Zeit lösen.

Schraubensicherung (z. B. Loctite) findet man teils auch an Lenker- und Vorbauklemmungen. Was in dem Fall eher gegen eine Schmierung spricht. Man sollte darauf achten, dass die Gewinde sauber sind. Unproblematisch hingegen ist eine Schmierung an den Pedalgewinden, die ja durch die Laufrichtung (Rechts- und Linksgewinde) so konstruiert sind, dass sie sich nicht von selbst lösen können. Hier steht eher der Korrosionsschutz im Vordergrund.

Hinweis: Bei der Schmierung von Carbon- und Titan-Bauteilen darf kein Fett zum Einsatz kommen! Hier sind spezielle Montagepasten zu verwenden (Bitte die Anweisungen des jeweiligen Herstellers beachten).

Nachdem geklärt ist, welches Anzugsmoment die Schraube benötigt, stellt man diesen Wert (Nm) an der Skala des Drehmomentschlüssels ein. Das passende Werkzeug, zum Beispiel ein Inbus, wird an der Ratsche angebracht. Bei Klemmungen mit mehreren Schrauben müssen diese stückweise abwechselnd (2 Schrauben) bzw. über kreuz (4 Schrauben) angezogen werden. Damit die Hebelverhältnisse stimmen, muss man den Drehmomentschlüssel exakt am Griff anfassen. Sobald das eingestellte Anzugsmoment erreicht ist, kippt der Hebel an dem Gelenk (Wippe) in Drehrichtung der Schraube. Dabei ist ein Knackgeräusch zu hören. Ab jetzt nicht weiter anziehen! Die Schraube ist nun mit der korrekten Festigkeit verschlossen.